Sonntag, 5. Dezember 2010

Was geschieht mit ausrangierten Grenzsteinen?

Was geschieht mit einem Grenzstein, der zu alt, zu unansehnlich, zu sehr von Moos und Flechten überwachsen ist, vor allem aber vielleicht zu schief steht und die Grenze nicht mehr richtig markiert? Er wird ausgewechselt und erneuert. Denn immerhin handelt es sich trotz des Beitritts der Schweiz zum Schengen-Abkommen noch um eine Staatsgrenze, EU-Außengrenze sowie um die Grenze zwischen dem NATO-Militärbündnis und einem neutralen Staat. Also, so wie im nachfolgenden Bild sollte ein Grenzstein vielleicht nicht unbedingt mehr aussehen:


Aber immerhin, er steht noch gerade!

Neu gesetzte Grenzsteine bekommen nicht mehr die Aufschrift GB / CS mit der Jahreszahl 1839 und dem Zusatz über die Anliegergemeinde (in Form des ersten Buchstabens derselben, also z.B. A = Arlen), sondern nur noch D / CH und das Jahr der Neuaufstellung.

Schauen wir uns die ausgewechselten Grenzsteine 209 und 219 an, beide in der Nähe der Grenzanlagen Rielasingen (D) - Ramsen (CH).



Ausgetauscht wurden sie in den Jahren 1977 bzw. 2007, wie man feststellen kann, wenn man sie von der Rückseite betrachtet.




Was aber hat man mit den altehrwürdigen, ausgewechselten Grenzsteinen gemacht?

Da ist er ja! Der 219er.
Von ein paar Blümchen umgeben steht er ...


.... neben dem Gemeindehaus in Ramsen, unweit der Anschlagstafel für öffentliche Bekanntmachungen. Als Fußgänger geht man direkt darauf zu, wenn man auf den Zebrastreifen die Straße überquert.

Logisch, dass man alte Grenzsteine, die über ein Jahrhundert
treu gedient haben, nicht einfach wegwirft, sondern weiterhin aufbewahrt und
an repräsentativer Stelle wieder aufstellt. Der Platz am Gemeindehaus eignet
sich dafür bestens. Niemand würde auch auf die Idee kommen,
dass hier eine wirkliche Grenze verläuft.

Ramsen bekam also den neuesten ausrangierten Grenzstein im Jahre 2007. Dreißig Jahre davor war die deutsche Nachbargemeinde wohl an der Reihe, einen ausrangierten Grenzstein zugesprochen zu bekommen. Aber in Rielasingen findet sich der 1977 ausgetauschte Grenzstein nicht am Rathaus, wie man denken könnte, sondern (ebenfalls von Blümchen umgeben) ...



... vor dem Gasthaus / Hotel Krone. Wie das? Der Juniorchef, der im Speisesaal herumgeht und sich nach der Zufriedenheit der Gäste erkundigt, scheint keine Ahnung zu haben, dass es diesen Stein überhaupt gibt, als ich ihn darauf anspreche. Einige Monate später, bei erneuter Einkehr, macht die Seniorchefin den Rundgang. Sie glaubt nicht, dass die Platzierung des Grenzsteins vor dem Gasthaus etwas damit zu tun haben könnte, dass ihr Mann lange Zeit Gemeinderat in Rielasingen war. Wie dem auch sei, seit meinem ersten Nachfragen ist die Zahl 209, die kaum mehr erkennbar war, neu nachgezogen worden. (Das GB für das ehemalige Großherzogtum Baden war immer gut lesbar gewesen.)Wie man sieht, geht man auch hier als Fußgänger - genauso wie in Ramsen - bei der Überquerung der Hauptstraße direkt darauf zu.


Beide Steine sind also erfolgreich verpflanzt worden, was angesichts ihres Gewichts von 300 Kilo nicht ganz leicht gewesen sein dürfte.
Diese Karte zeigt (mit grünem Pfeil) die "Verpflanzungswege":




Und wo das genau liegt, sieht man hier im größeren Kontext:






Der Spießhof an der Bundesstraße zwischen Singen und Gottmadingen


Dieser Grenzstein bildet den nördlichen Abschluss des so genannten "Ramsener Zipfels" (47°44’17'' nördlich des Äquators, 8°48’19'' östlich von Greenwich).


Die lila gezeichnete Grenze (Open Street Map) reicht von Süden her bis unmittelbar an die Bundesstraße 34 zwischen Singen/Hohentwiel und Gottmadingen heran.

Wir zoomen etwas, um uns das besser anzusehen:


Und hier fährt gerade ein Motorrad oder ein Motorroller an diesem Zipfel Schweiz vorbei:

Die Gemeinde Rielasingen möchte schon seit langem eine Ortsumfahrung; und eine Möglichkeit wäre eine Streckenführung dicht an der Schweizer Grenze entlang, etwas östlich von Grenzstein 176 und westlich des Berges Rosenegg. Allerdings hat man diese Möglichkeit verworfen. Die Straße Singen-Gottmadingen führt zwar seit jeher dicht an der Schweiz vorbei; aber eine weitere Trasse dicht an der Grenze will man wohl lieber nicht. Stattdessen ist ein teurer Tunnel im Gespräch, aber bei der gegenwärtigen Finanzknappheit und den Sparzwängen werden die Rielasinger weiterhin warten müssen.

Die Schweizer haben in der Nähe von Grenzstein 176 ein Hoheitsschild aufgestellt, das aber - ganz unschweizerisch - vergammelt und verrostet aussieht (Herbst 2010). Inzwischen (2016) wurde das Schild entfernt, renoviert und im Ort Ramsen neu aufgestellt.


Und hier der Blick vom Grenzstein 175 auf die in der Schweiz gelegene Zufahrtsstraße zum Spießhof; im Hintergrund ist der Weiler Hofenacker zu sehen.

Der Spießhof liegt unmittelbar südlich der Grenzsteine 176 und 177 und hat schon einiges miterlebt.


Laut Manfred Schmidt besteht die Gaststätte Spießhof seit 1824, und die Ramsener Bauern kehrten gerne auf dem Rückweg vom Hilzinger Viehmarkt, wo sie das so genannte „Schwabenvieh“ kauften, hier ein, bevor sie weiterzogen und ihre Ware in Ramsen verzollen mussten.
Nach einer anderen Quelle wurde zunächst 1848 ein Bauernhof an dieser Stelle gebaut und 1854 eine Gastwirtschaft hinzugefügt. (Albert Gerster)
Bis 1914 (Ausbruch des Ersten Weltkrieges) und dann wieder bis in die 1930er Jahre kehrten die Leute gerne im Spießhof, der mittlerweile "Gasthof Frohsinn" hieß, ein. Es gab mindestens zwei Gruppen von Gästen:
1. die Ramsener Jugend, die von einem Ausflug zum Aussichtspunkt Hohentwiel zurückkehrte,
2. Singener und Gottmadinger Arbeiter auf dem Heimweg von ihrer Arbeit. Sie kauften "unterwegs'' im Spießhof die erlaubten Freimengen von Schweizer Waren ein. Die Hitler-Regierung ließ dann das Betreten des Spießhofes verbieten.

Der große Tag des Spießhofes war der 20.4.1945. „[Durch] eine kleine Konferenz in der Schweiz, in der Wirtschaft "Zum Frohsinn" auch genannt "Spiesshof", wurde mittels Verhandlungen ... die völlige Zerstörung Singens verhindert.“http://www.militaria-fundforum.com/showthread.php?t=189030
Der Singener „Volkssturmkommandant“ Kellhofer und Bürgermeisterstellverteter Bäder trafen sich im Spießhof mit dem Schweizer Hauptmann James Haefely. Es ging um die Übergabe Singens an die Franzosen. Bäder wurde zwei Tage später, am 22.4.45, von der SS deswegen als Verräter erhängt. (Meier, S. 300-302)
Ebenfalls in diesen dramatischen Tagen am Ende des Zweiten Weltkrieges gab es eine Schießerei, bei der französische Kugeln einen Schweizer Wachsoldaten verletzten. Der Schweizer General Guisan erkundigte sich persönlich nach dem Gesundheitszustand des Soldaten, der von den Wirtsleuten des Spießhofes gepflegt wurde. (Albert Gerster)

Nach 1945 blieb die Grenze geschlossen und wurde sogar mit Brettern vernagelt. Der Spießhof blieb ohne deutsche Kundschaft. Der Schweizer Zoll lehnte die Einrichtung einer Grenzübergangsstelle als zu teuer ab (über 50 000 Franken). Der Versuch von deutscher Seite, das Gebiet um den Spießhof in die Verhandlungen um eine Grenzbereinigung und einen Gebietsaustausch einzubeziehen, scheiterte am vehementen Protest der Ramsener.

Im August 1963 wurde Fußgängern der Grenzübertritt gestattet; auf deutschem Boden wurde ein Parkplatz gebaut, wo die deutschen Gäste ihr Auto stehen lassen konnten, um dann als Fußgänger in den Spießhof zu gehen. Ein Schwarz-Weiß-Luftbild von diesem Zustand findet man unter: http://www.e-pics.ethz.ch/index/ETHBIB.Bildarchiv/ETHBIB.Bildarchiv_Com_F63-01159_12173.html
Solange die deutsche D-Mark höher stand als der Schweizer Franken (bis in die zweite Hälfte der 1970er Jahre), lohnte es sich für deutsche Gäste, im Spießhof einzukehren. Mit der späteren Kurs- und Preisentwicklung wurde das Einkehren im Spießhof für Deutsche immer weniger attraktiv. Damit war das Schicksal des Spießhofs als "Gasthof Frohsinn" letztlich besiegelt.
Auch nach Schließung des Gasthauses steht das Schild noch - im Gebüsch versteckt. Im linken Bildbereich sieht man hinter dem Zaun Grenzstein 176 und das Hoheitszeichen...

1994 übernahmen die Sozialwerke Pfarrer Ernst Sieber den Spießhof, um ihn als Heim für ehemalige Drogenabhängige zu nutzen (laut Albert Gerster). Eine andere Quelle nennt den Januar 1998 als Datum für die Gründung der „Dorfgemeinschaft Spiesshof“ durch Pfarrer Ernst Sieber (www.ref.ch/gl/03Kantonalkirche/Gesetzessammlung/PDF-Dateien/12/12B3.14.pdf).
Der heutige Spießhof präsentiert sich selbst im Internet unter: http://www.spiesshof.ch/
Die Kapelle des Spießhofs am "Ernst-Sieber-Weg". Laut Homepage des Spießhofs ist sie frei zugänglich. Innen ist sie sehr modern, für Musik sorgt ein Schlagzeug.


Am 28.12.2007 veröffentlichte das Amtsblatt der Europäischen Union C 316/5 eine „Aktualisierte Liste der Grenzübergangsstellen gemäß Artikel 2 Absatz 8 der Verordnung (EG) Nr. 562/2006 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 15. März 2006 über einen Gemeinschaftskodex für das Überschreiten der Grenzen durch Personen (Schengener Grenzkodex)“. Auf der gleichen Seite, auf der auch alle Flughäfen Grönlands und der Faröer-Inseln aufgelistet sind, findet sich der Spießhof als Grenzübergangsstelle, und zwar unter der Bezeichnung„Gasthof ‚Spießhof’ an der B 34“ auf deutscher Seite und „Gasthof ‚Spießhof’“ auf Schweizer Seite. (http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=OJ:C:2007:316:0001:0037:DE:PDF) Man darf also getrost beim Spießhof über die Leitplanke klettern. Aber Achtung! Auf der Bundesstraße 34 herrscht lebhafter Verkehr, und es gibt keinen Zebrastreifen zum Überqueren der Fahrbahn.


Hier ist ein EU-Grenzübergang!

Quellen:Meier = Ingeborg Meier, Die Stadt Singen im Zweiten Weltkrieg, Konstanz 1992, ISBN 3-89191-525-X
Albert Gerster = Albert Gerster, Grenzgang - Entlang der Schaffhauser Landesgrenze, Schaffhausen 1999, ISBN 3-85801-048-0, S.82
Manfred Schmidt = Manfred Schmidt, Geographische Kuriositäten, GRIN-Verlag 2008, ISBN 3-638-95530-3, S.104-105