Samstag, 25. September 2010

Das Waldheim, Grenzstein 343

Wir wandern etwa einen Kilometer weiter und kommen zum "Waldheim". An dieser Stelle liegt die Schweiz kurioserweise nördlich von Deutschland! 47°41‘50‘‘ nördlich des Äquators, 8°51‘26‘‘ östlich von Greenwich.Wer den Punkt mit GOOGLE EARTH sucht, wird feststellen, dass der Grenzverlauf in diesem Gebiet so „wild“ ist, dass GOOGLE EARTH ihn nicht wirklich gut wiedergeben kann.




Das Bild unten ist mittlerweile historisch. Das Schild „Wanderweg“ ist jetzt ersetzt durch ein anderes, das besagt, dass man an dieser Stelle Privatgelände durchqueren darf. Dies wiederum hat mit der komplizierten Geschichte des Waldheims zu tun (siehe auch weiter unten). Der Buchstabe Ö auf dem Grenzstein steht für die deutsche Gemeinde Öhningen; auf der Schweizer Seite des Steins steht H für Hemishofen. GB ist natürlich „Großherzogtum Baden“, auf der abgewandten Seite steht CS für „Canton Schaffhausen“. Der Zahl 343 (fortlaufende Nummerierung) gegenüber findet man 1839 (Jahr der Errichtung der Grenzsteine).



Vor ein paar Jahren, bevor das Waldheim in Privatbesitz überging und dadurch für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich wurde, fand in seinen Räumen eine Reihe von Veranstaltungen (Lesungen, Vorträge) zum Thema "Grenze" statt. Um das Waldheim herum hatten mehrere Künstler das Thema "Grenze" nach ihren Ideen durch Objekte gestaltet. Als besonderes Happening fand am Grenzstein 343 ein Pingpong-Spiel statt. Die Tischtennisplatte war am Grenzstein quer über die Grenze aufgestellt worden. Bei jedem Schlagabtausch zwischen zwei Spielern flog der Tischtennisball von der Schweiz nach Deutschland oder umgekehrt.
Leider habe ich davon keine Aufnahme!



Von deutschem Boden aus schweift hier der Blick über ein Stück Schweizer Gebiet zum Waldheim, das jedoch wiederum in Deutschland liegt. Jenseits - nördlich - des Waldheims ist dann wieder Schweizer Territorium.
Wieso steht auf diesem Grenzstein nur "B" statt des sonst üblichen "GB"? Man erkennt die Jahreszahl 1927; an dieser Stelle muss also der 1839er Original-Grenzstein ausgewechselt worden sein. 1927, als der neue Stein aufgestellt wurde, war Baden jedoch kein Großherzogtum mehr, sondern ein Land der Weimarer Republik. Insofern nur "B" für "Baden" statt "GB" für "Großherzogtum Baden".
Das Waldheim wurde 1910/11 vom Besitzer des Hofes Oberwald, der unweit entfernt in der Schweiz liegt, gebaut. Auf deutschem Boden, wo das Waldheim lag, waren die Schankrechte ungleich großzügiger als in der Schweiz. Und der Fußweg zum Waldheim war für die Gäste von Oberwald nur fünf Minuten. Die Überquerung der Grenze war in dieser Zeit kein Problem, was sich mit dem Ersten Weltkrieg schlagartig änderte. Oberwald bezeichnete sich auf Postkarten als "Höhenluftkurort", das Waldheim war ein "Kurhaus".
Nach dem Zweiten Weltkrieg diente das Waldheim lange Zeit als Schullandheim. Abgesehen davon, dass die innere Einrichtung nicht mehr den heutigen Vorstellungen von einer Jugendherberge/einem Schullandheim entspricht - welche Schüler/innen unserer Zeit würden eine Woche in dieser Waldeinsamkeit verbringen wollen? Eine Grenzsteinwanderung wäre ja wohl so ziemlich das "uncoolste", was sich ein heutiger Teenager vorstellen kann.
Homepage des Waldheims:  httt://www.waldheim-schienen.de
Zur Geschichte des Hauses:  http://www.waldheim-schienen.de/60001.html






Deutschland-Schild beim Waldheim auf dem Schienerberg.
Die Bundesrepublik Deutschland ist sehr viel fleißiger im Aufstellen von Hoheitszeichen als die Schweizer Nachbarn. Das Schild mit dem Adler findet man an den abgelegensten Stellen. Allein "schildermäßig" ist die GB/CS-Zickzackgrenze für Deutschland eine teure Angelegenheit.