Dienstag, 27. April 2010

Wir verlassen Konstanz und wenden uns der Grenze zwischen dem Kanton Schaffhausen und dem früheren Großherzogtum Baden zu. Jetzt ist es die Grenze zwischen dem Kanton Schaffhausen und dem Bundesland Baden-Württemberg, also zwischen der Schweiz und Deutschland und damit zwischen der Schweiz und der Europäischen Union. Die Schweiz "wuchert" an drei Stellen nach Norden über den Rhein; und diese rechtsrheinischen Schweizer Gebiete sind durch etwa 1740 je 300 Kilo schwere Grenzsteine von Deutschland getrennt, die ab 1839 aufgestellt wurden. Schauen wir uns den Grenzverlauf an:


















Entlang dieser komplizierten, mit vielen Zacken und Zipfeln versehenen Grenze wollen wir uns von nun ab bewegen und uns einzelne Grenzsteine und Grenzabschnitte anschauen.

Wir gehen zum Grenzstein Nr. 308 von den 427 Grenzsteinen, die den Stein am Rheiner Zipfel von Deutschland abtrennen (Die Grenzsteine sind im Uhrzeigersinn durchnummeriert), und finden Erstaunliches.

Ab Grenzstein 308 wurde die Grenze geändert!



Warum? Damit man endlich von deutschem Gebiet in deutsches Gebiet mit dem Auto fahren konnte, ohne über Schweizer Gebiet zu müssen. Riedern und Waldheim sind zwar keine Exklaven, waren aber bis 1966 mit dem Wagen nur über eine Straße erreichbar, die über Schweizer Hoheitsgebiet führte. Quer durch den Wald, als Wanderer konnte man Riedern/Waldheim auch erreichen, ohne über Schweizer Gebiet zu müssen. Aber das war mühsam.

Wo liegt das genau? 47° 42’ nördlich des Äquators, 8° 52’ östlich von Greenwich.


Eine Postkarte des Waldheims aus der Zeit des 3. Reichs prangert diesen Zustand als sozusagen unwürdig an. Von Deutschland nach Deutschland kommt man nur durch „erlaubte“ Schweiz. Die Postkarte aus dem Kreisarchiv Konstanz (AA6 XXII/3/203) ist abgebildet in: hegau Zeitschrift für Geschichte, Volkskunde und Naturgeschichte des Gebietes zwischen Rhein, Donau und Bodensee, Themenband „Hegau - Menschen - Schicksale“, Jahrbuch 63/2006 des Hegau-Geschichtsvereins e.V., Singen/Hohentwiel, S.177.
Die spannende Frage für mich war nun: Ist der Grenzstein 308 im Jahre 1966 ausgetauscht worden? Oder steht da noch der alte Grenzstein von 1839?
Der Stein steht an einer sehr unzugänglichen Stelle auf der rechten Seite des Lunkenbachs. Und er ist ..... alt! Seit 1839 hat ihn der unweit seiner Quelle noch zahme Bach offenbar in Ruhe gelassen und nie das Erdreich um ihn herum weggespült.



Nachdem ich den Schnee auf seiner Oberseite beseitigt habe, bietet sich folgendes interessante Bild:



Der Grenzverlauf wird doppelt angezeigt. Es war im Jahr 1966 also offenbar bequemer, auf der Oberfläche des alten Steins eine neue Linie zu ziehen, als einen schweren neuen Grenzstein an diese Stelle zu bringen!
Der folgende neu gesetzte Grenzstein 309 etwas oberhalb der nun nicht mehr schweizerischen Straße stammt aus dem Jahre 1966, wie deutlich zu lesen ist.


Blick von der Schweiz nach Deutschland, in ehemaliges Schweizer Gebiet hinein


Blick von (seit 1966) deutschem Gebiet in die Schweiz


Im Laufe der Zeit ist einiges zusammengekommen!


Im Folgenden eine Auflistung der Grenzveränderungen durch Gebietstausch -
Es stehen jeweils in einem Block: Betroffene Gemeinde / Größe der Gebietsabtretung in Quadratmetern und Jahr des Vertrags



a) in der Schweiz

Bargen SH
46 qm
2002

Bargen SH
33 000 qm
1964

Barzheim SH
4667 qm
2002

Buch SH
** 1938

Büttenhardt und Opfertshofen SH
128 732 qm
1964

Diessenhofen
140 Jucharten* (an Gailingen)
1854

Dörflingen SH
1332 qm
2002

Hemishofen SH
10 489 qm
1964
(Hier sind wir im Gebiet des Grenzsteins 308ff.)

Hüntwangen ZH
165 qm
2002

Merishausen SH
319 000 qm
1964

Neuhausen SH
** 1938

Neuhausen SH
398 qm
1964

Rüdlingen SH
** 1938

Schleitheim SH
38 250 qm
1964

Wasterkingen ZH
152 qm
2002

b) in Deutschland

Altenburg
398 qm
1964

Blumberg
46 m2
2002

Büsingen
17 Jucharten* (an Unterschlatt)
1854

Büsingen
1332 qm 1966

Erzingen
** 1938

Gottmadingen
** 1938

Hilzingen
4667 qm
2002

Hohentengen
317 m2
2002

Jestetten
** 1938

Lottstetten
** 1938

Öhningen
5489 qm 1964

Rielasingen
5000 m2
1964

Stühlingen, Weizen und Grimmelshofen
38 250 m2
1964

Weisweil
** 1938

Wiechs am Randen
428 732 m2 (Exklave Verenahof!)
1964


*1 Juchart (ab 1835) = 36 Ar = 3600 qm (siehe dazu den Wikipedia-Artikel http://de.wikipedia.org/wiki/Juchart )
** Die mit zwei Sternen gekennzeichneten Gemeinden waren an einem Gebietstausch beteiligt, der insgesamt 47 a 58 qm, also 4758 qm umfasste
***Die Ratifizierung und das In-Kraft-Treten des Vertrags kann später liegen, z.B.
1964 → 1966.

Die gleichen Gemeinden, die etwas abtreten mussten, haben oft an anderer Stelle etwas dazu bekommen; bisweilen jedoch bekam eine deutsche oder schweizerische Gemeinde das an Kompensation, was eine andere deutsche oder schweizerische Gemeinde abtreten musste.


Die obige Tabelle beruht auf der Auswertung folgender Verträge:

Vertrag vom 20./31. Oktober 1854 zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und dem Grossherzogtum Baden betreffend Grenzbereinigung

Abkommen vom 22. September 1938 zwischen der Schweiz und dem Deutschen Reiche über die Verlegung der Grenze an den Strassen Neuhausen-Jestetten, Weisweil-Erzingen, Buch-Gottmadingen, Rüdlingen-Lottstetten

Vertrag vom 23. November 1964 zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und der Bundesrepublik Deutschland über die Bereinigung der Grenze im Abschnitt Konstanz-Neuhausen am Rheinfall (mit Schlussprotokoll)

Vertrag vom 5. März 2002 zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und der Bundesrepublik Deutschland über den Verlauf der Staatsgrenze in den Grenzabschnitten Bargen/Blumberg, Barzheim/Hilzingen, Dörflingen/Büsingen, Hüntwangen/Hohentengen und Wasterkingen/Hohentengen(alle nachzulesen unter: http://www.admin.ch/ch/d/sr/0.13.html#0.132)




Kreistraße 6156 - Seit 1966 führt sie von Deutschland über Deutschland nach Deutschland! Und nicht mehr durch die Schweiz! Allerdings ist diese Kreisstraße eine Sackgasse. Sie führt bis Riedern, wo man eigentlich nicht parken kann; und von dort bis Waldheim ist sie für Autos und Motorräder gesperrt (außer Anlieger).

Auf dem Weg von Schienen nach Riedern führt sie durch das Gehöft Litzelshausen, wo bis vor einiger Zeit ein sehr schöner alter Wegweiser an einer Häuserwand prangte.









Samstag, 24. April 2010

So sah sie mal aus, die deutsch-schweizerische Grenze; und es ist noch gar nicht so lange her.


Ein Zaun trennte Konstanz von Kreuzlingen an dieser Stelle (Wiesenstraße). Seit die Schweiz dem Schengen-Abkommen beigetreten ist, ist die Grenze überall offen (Dez. 2008). Wo der Zaun war, können Fußgänger und Radfahrer jetzt durch. Es stehen jedoch noch ein paar Pfosten, so dass für Autos die Durchfahrt nach wie vor nicht möglich ist. Der rote Wagen, den man im Bild sieht, dürfte seinen bequemen Parkplatz verloren haben.
Kurios in diesem Bild ist, dass den Autofahrern, die hier gar nicht weiterfahren konnten, mitgeteilt wurde, dass sie hinter dem Zaun 5o km/h fahren dürften - und die Mitteilung erfolgte gleich doppelt:
a) durch das am Zaun befestigte Ortsschild, b) durch das noch vor dem Zaun stehende Schild mit der Angabe der Geschwindigkeitsbegrenzung.

Mittlerweile (Herbst 2010) sieht es an dieser Stelle so aus:


Der Zaun ist weg, aber Autos können nicht durchfahren.


An anderer Stelle in Konstanz ist der Zaun noch erhalten, wenn auch in gestutzter Form: und zwar zwischen dem Gottlieber Zoll und dem Rhein.


Er wurde 1940 errichtet, wie man noch auf dem Mauersockel, auf dem der Zaun steht, an einer Stelle noch lesen kann.


Wie der Zaun während der Zeit des Dritten Reiches (als er als "Judenzaun" bezeichnet wurde) aussah, kann man in dem Büchlein von Arnulf Moser, Der Zaun im Kopf - Zur Geschichte der deutsch-schweizerischen Grenze um Konstanz, Konstanz 1992, ISBN 3-87940-427-5, S.107 und S.111 nachschauen: Er hatte eine Stacheldrahtkrone, die heute natürlich nicht mehr vorhanden ist.
Zwischen Gottlieber Zoll und bis kurz vor dem Grenzstein 34 ist der Zaun als historisches Denkmal in seiner ursprünglichen Höhe erhalten.



Ab Grenzstein 34, wo der vorletzte bedeutende Knick in der Grenze ist, bis zum letzten Grenzstein 38 und darüber hinaus bis zum See-Rhein-Ufer verläuft der Zaun nur noch auf Brusthöhe und schützt vor allem die Gärten auf deutscher Seiten vor möglichen Eindringlingen von der Schweizer Seite her.
Die Grundstücksbesitzer auf deutscher Seite konnten sich so einen Gartenzaun ersparen.


Ein Nahbild von Grenzstein 36 zeigt, dass der Zaun wenige Zentimeter hinter der eigentlichen Grenze auf deutschem Gebiet steht.



Zum See-Rhein hin verschwinden die Gärten auf deutscher Seite, die Grenze nähert sich dem Saubach; und man findet ein Kuriosum aus der Zeit, wo die Zöllner noch streng entlang der Grenze kontrollierten und selbst natürlich nicht die Grenze überschreiten durften: einen Steg oberhalb des Saubach-Grabens genau hinter dem Grenzzaun. Hier gingen also die deutschen Zöllner entlang.


Schließlich endet der Grenzzaun recht unspektakulär am See-Rhein-Ufer, wobei die Mauer, auf der der Zaun steht, plötzlich Mannshöhe erreicht.



Der letzte Grenzstein (Nr.38) steht in einiger Entfernung vom Ufer und hat einen gewaltigen Sockel.
Alle Grenzsteine zwischen Gottlieber Zoll und See-Rhein-Ufer müssen neueren Datums sein. Man findet keine Jahreszahl 1839 und kein GB für "Großherzogtum Baden" wie auf den Grenzsteinen um den Kanton Schaffhausen herum. Das große S steht für "Schweiz". Auf der im Bild nicht sichtbaren entgegengesetzten Seite ist ein großes D für "Deutschland" zu vermuten.