Sonntag, 5. Dezember 2010

Was geschieht mit ausrangierten Grenzsteinen?

Was geschieht mit einem Grenzstein, der zu alt, zu unansehnlich, zu sehr von Moos und Flechten überwachsen ist, vor allem aber vielleicht zu schief steht und die Grenze nicht mehr richtig markiert? Er wird ausgewechselt und erneuert. Denn immerhin handelt es sich trotz des Beitritts der Schweiz zum Schengen-Abkommen noch um eine Staatsgrenze, EU-Außengrenze sowie um die Grenze zwischen dem NATO-Militärbündnis und einem neutralen Staat. Also, so wie im nachfolgenden Bild sollte ein Grenzstein vielleicht nicht unbedingt mehr aussehen:


Aber immerhin, er steht noch gerade!

Neu gesetzte Grenzsteine bekommen nicht mehr die Aufschrift GB / CS mit der Jahreszahl 1839 und dem Zusatz über die Anliegergemeinde (in Form des ersten Buchstabens derselben, also z.B. A = Arlen), sondern nur noch D / CH und das Jahr der Neuaufstellung.

Schauen wir uns die ausgewechselten Grenzsteine 209 und 219 an, beide in der Nähe der Grenzanlagen Rielasingen (D) - Ramsen (CH).



Ausgetauscht wurden sie in den Jahren 1977 bzw. 2007, wie man feststellen kann, wenn man sie von der Rückseite betrachtet.




Was aber hat man mit den altehrwürdigen, ausgewechselten Grenzsteinen gemacht?

Da ist er ja! Der 219er.
Von ein paar Blümchen umgeben steht er ...


.... neben dem Gemeindehaus in Ramsen, unweit der Anschlagstafel für öffentliche Bekanntmachungen. Als Fußgänger geht man direkt darauf zu, wenn man auf den Zebrastreifen die Straße überquert.

Logisch, dass man alte Grenzsteine, die über ein Jahrhundert
treu gedient haben, nicht einfach wegwirft, sondern weiterhin aufbewahrt und
an repräsentativer Stelle wieder aufstellt. Der Platz am Gemeindehaus eignet
sich dafür bestens. Niemand würde auch auf die Idee kommen,
dass hier eine wirkliche Grenze verläuft.

Ramsen bekam also den neuesten ausrangierten Grenzstein im Jahre 2007. Dreißig Jahre davor war die deutsche Nachbargemeinde wohl an der Reihe, einen ausrangierten Grenzstein zugesprochen zu bekommen. Aber in Rielasingen findet sich der 1977 ausgetauschte Grenzstein nicht am Rathaus, wie man denken könnte, sondern (ebenfalls von Blümchen umgeben) ...



... vor dem Gasthaus / Hotel Krone. Wie das? Der Juniorchef, der im Speisesaal herumgeht und sich nach der Zufriedenheit der Gäste erkundigt, scheint keine Ahnung zu haben, dass es diesen Stein überhaupt gibt, als ich ihn darauf anspreche. Einige Monate später, bei erneuter Einkehr, macht die Seniorchefin den Rundgang. Sie glaubt nicht, dass die Platzierung des Grenzsteins vor dem Gasthaus etwas damit zu tun haben könnte, dass ihr Mann lange Zeit Gemeinderat in Rielasingen war. Wie dem auch sei, seit meinem ersten Nachfragen ist die Zahl 209, die kaum mehr erkennbar war, neu nachgezogen worden. (Das GB für das ehemalige Großherzogtum Baden war immer gut lesbar gewesen.)Wie man sieht, geht man auch hier als Fußgänger - genauso wie in Ramsen - bei der Überquerung der Hauptstraße direkt darauf zu.


Beide Steine sind also erfolgreich verpflanzt worden, was angesichts ihres Gewichts von 300 Kilo nicht ganz leicht gewesen sein dürfte.
Diese Karte zeigt (mit grünem Pfeil) die "Verpflanzungswege":




Und wo das genau liegt, sieht man hier im größeren Kontext:






Der Spießhof an der Bundesstraße zwischen Singen und Gottmadingen


Dieser Grenzstein bildet den nördlichen Abschluss des so genannten "Ramsener Zipfels" (47°44’17'' nördlich des Äquators, 8°48’19'' östlich von Greenwich).


Die lila gezeichnete Grenze (Open Street Map) reicht von Süden her bis unmittelbar an die Bundesstraße 34 zwischen Singen/Hohentwiel und Gottmadingen heran.

Wir zoomen etwas, um uns das besser anzusehen:


Und hier fährt gerade ein Motorrad oder ein Motorroller an diesem Zipfel Schweiz vorbei:

Die Gemeinde Rielasingen möchte schon seit langem eine Ortsumfahrung; und eine Möglichkeit wäre eine Streckenführung dicht an der Schweizer Grenze entlang, etwas östlich von Grenzstein 176 und westlich des Berges Rosenegg. Allerdings hat man diese Möglichkeit verworfen. Die Straße Singen-Gottmadingen führt zwar seit jeher dicht an der Schweiz vorbei; aber eine weitere Trasse dicht an der Grenze will man wohl lieber nicht. Stattdessen ist ein teurer Tunnel im Gespräch, aber bei der gegenwärtigen Finanzknappheit und den Sparzwängen werden die Rielasinger weiterhin warten müssen.

Die Schweizer haben in der Nähe von Grenzstein 176 ein Hoheitsschild aufgestellt, das aber - ganz unschweizerisch - vergammelt und verrostet aussieht (Herbst 2010). Inzwischen (2016) wurde das Schild entfernt, renoviert und im Ort Ramsen neu aufgestellt.


Und hier der Blick vom Grenzstein 175 auf die in der Schweiz gelegene Zufahrtsstraße zum Spießhof; im Hintergrund ist der Weiler Hofenacker zu sehen.

Der Spießhof liegt unmittelbar südlich der Grenzsteine 176 und 177 und hat schon einiges miterlebt.


Laut Manfred Schmidt besteht die Gaststätte Spießhof seit 1824, und die Ramsener Bauern kehrten gerne auf dem Rückweg vom Hilzinger Viehmarkt, wo sie das so genannte „Schwabenvieh“ kauften, hier ein, bevor sie weiterzogen und ihre Ware in Ramsen verzollen mussten.
Nach einer anderen Quelle wurde zunächst 1848 ein Bauernhof an dieser Stelle gebaut und 1854 eine Gastwirtschaft hinzugefügt. (Albert Gerster)
Bis 1914 (Ausbruch des Ersten Weltkrieges) und dann wieder bis in die 1930er Jahre kehrten die Leute gerne im Spießhof, der mittlerweile "Gasthof Frohsinn" hieß, ein. Es gab mindestens zwei Gruppen von Gästen:
1. die Ramsener Jugend, die von einem Ausflug zum Aussichtspunkt Hohentwiel zurückkehrte,
2. Singener und Gottmadinger Arbeiter auf dem Heimweg von ihrer Arbeit. Sie kauften "unterwegs'' im Spießhof die erlaubten Freimengen von Schweizer Waren ein. Die Hitler-Regierung ließ dann das Betreten des Spießhofes verbieten.

Der große Tag des Spießhofes war der 20.4.1945. „[Durch] eine kleine Konferenz in der Schweiz, in der Wirtschaft "Zum Frohsinn" auch genannt "Spiesshof", wurde mittels Verhandlungen ... die völlige Zerstörung Singens verhindert.“http://www.militaria-fundforum.com/showthread.php?t=189030
Der Singener „Volkssturmkommandant“ Kellhofer und Bürgermeisterstellverteter Bäder trafen sich im Spießhof mit dem Schweizer Hauptmann James Haefely. Es ging um die Übergabe Singens an die Franzosen. Bäder wurde zwei Tage später, am 22.4.45, von der SS deswegen als Verräter erhängt. (Meier, S. 300-302)
Ebenfalls in diesen dramatischen Tagen am Ende des Zweiten Weltkrieges gab es eine Schießerei, bei der französische Kugeln einen Schweizer Wachsoldaten verletzten. Der Schweizer General Guisan erkundigte sich persönlich nach dem Gesundheitszustand des Soldaten, der von den Wirtsleuten des Spießhofes gepflegt wurde. (Albert Gerster)

Nach 1945 blieb die Grenze geschlossen und wurde sogar mit Brettern vernagelt. Der Spießhof blieb ohne deutsche Kundschaft. Der Schweizer Zoll lehnte die Einrichtung einer Grenzübergangsstelle als zu teuer ab (über 50 000 Franken). Der Versuch von deutscher Seite, das Gebiet um den Spießhof in die Verhandlungen um eine Grenzbereinigung und einen Gebietsaustausch einzubeziehen, scheiterte am vehementen Protest der Ramsener.

Im August 1963 wurde Fußgängern der Grenzübertritt gestattet; auf deutschem Boden wurde ein Parkplatz gebaut, wo die deutschen Gäste ihr Auto stehen lassen konnten, um dann als Fußgänger in den Spießhof zu gehen. Ein Schwarz-Weiß-Luftbild von diesem Zustand findet man unter: http://www.e-pics.ethz.ch/index/ETHBIB.Bildarchiv/ETHBIB.Bildarchiv_Com_F63-01159_12173.html
Solange die deutsche D-Mark höher stand als der Schweizer Franken (bis in die zweite Hälfte der 1970er Jahre), lohnte es sich für deutsche Gäste, im Spießhof einzukehren. Mit der späteren Kurs- und Preisentwicklung wurde das Einkehren im Spießhof für Deutsche immer weniger attraktiv. Damit war das Schicksal des Spießhofs als "Gasthof Frohsinn" letztlich besiegelt.
Auch nach Schließung des Gasthauses steht das Schild noch - im Gebüsch versteckt. Im linken Bildbereich sieht man hinter dem Zaun Grenzstein 176 und das Hoheitszeichen...

1994 übernahmen die Sozialwerke Pfarrer Ernst Sieber den Spießhof, um ihn als Heim für ehemalige Drogenabhängige zu nutzen (laut Albert Gerster). Eine andere Quelle nennt den Januar 1998 als Datum für die Gründung der „Dorfgemeinschaft Spiesshof“ durch Pfarrer Ernst Sieber (www.ref.ch/gl/03Kantonalkirche/Gesetzessammlung/PDF-Dateien/12/12B3.14.pdf).
Der heutige Spießhof präsentiert sich selbst im Internet unter: http://www.spiesshof.ch/
Die Kapelle des Spießhofs am "Ernst-Sieber-Weg". Laut Homepage des Spießhofs ist sie frei zugänglich. Innen ist sie sehr modern, für Musik sorgt ein Schlagzeug.


Am 28.12.2007 veröffentlichte das Amtsblatt der Europäischen Union C 316/5 eine „Aktualisierte Liste der Grenzübergangsstellen gemäß Artikel 2 Absatz 8 der Verordnung (EG) Nr. 562/2006 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 15. März 2006 über einen Gemeinschaftskodex für das Überschreiten der Grenzen durch Personen (Schengener Grenzkodex)“. Auf der gleichen Seite, auf der auch alle Flughäfen Grönlands und der Faröer-Inseln aufgelistet sind, findet sich der Spießhof als Grenzübergangsstelle, und zwar unter der Bezeichnung„Gasthof ‚Spießhof’ an der B 34“ auf deutscher Seite und „Gasthof ‚Spießhof’“ auf Schweizer Seite. (http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=OJ:C:2007:316:0001:0037:DE:PDF) Man darf also getrost beim Spießhof über die Leitplanke klettern. Aber Achtung! Auf der Bundesstraße 34 herrscht lebhafter Verkehr, und es gibt keinen Zebrastreifen zum Überqueren der Fahrbahn.


Hier ist ein EU-Grenzübergang!

Quellen:Meier = Ingeborg Meier, Die Stadt Singen im Zweiten Weltkrieg, Konstanz 1992, ISBN 3-89191-525-X
Albert Gerster = Albert Gerster, Grenzgang - Entlang der Schaffhauser Landesgrenze, Schaffhausen 1999, ISBN 3-85801-048-0, S.82
Manfred Schmidt = Manfred Schmidt, Geographische Kuriositäten, GRIN-Verlag 2008, ISBN 3-638-95530-3, S.104-105

Samstag, 25. September 2010

Das Waldheim, Grenzstein 343

Wir wandern etwa einen Kilometer weiter und kommen zum "Waldheim". An dieser Stelle liegt die Schweiz kurioserweise nördlich von Deutschland! 47°41‘50‘‘ nördlich des Äquators, 8°51‘26‘‘ östlich von Greenwich.Wer den Punkt mit GOOGLE EARTH sucht, wird feststellen, dass der Grenzverlauf in diesem Gebiet so „wild“ ist, dass GOOGLE EARTH ihn nicht wirklich gut wiedergeben kann.




Das Bild unten ist mittlerweile historisch. Das Schild „Wanderweg“ ist jetzt ersetzt durch ein anderes, das besagt, dass man an dieser Stelle Privatgelände durchqueren darf. Dies wiederum hat mit der komplizierten Geschichte des Waldheims zu tun (siehe auch weiter unten). Der Buchstabe Ö auf dem Grenzstein steht für die deutsche Gemeinde Öhningen; auf der Schweizer Seite des Steins steht H für Hemishofen. GB ist natürlich „Großherzogtum Baden“, auf der abgewandten Seite steht CS für „Canton Schaffhausen“. Der Zahl 343 (fortlaufende Nummerierung) gegenüber findet man 1839 (Jahr der Errichtung der Grenzsteine).



Vor ein paar Jahren, bevor das Waldheim in Privatbesitz überging und dadurch für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich wurde, fand in seinen Räumen eine Reihe von Veranstaltungen (Lesungen, Vorträge) zum Thema "Grenze" statt. Um das Waldheim herum hatten mehrere Künstler das Thema "Grenze" nach ihren Ideen durch Objekte gestaltet. Als besonderes Happening fand am Grenzstein 343 ein Pingpong-Spiel statt. Die Tischtennisplatte war am Grenzstein quer über die Grenze aufgestellt worden. Bei jedem Schlagabtausch zwischen zwei Spielern flog der Tischtennisball von der Schweiz nach Deutschland oder umgekehrt.
Leider habe ich davon keine Aufnahme!



Von deutschem Boden aus schweift hier der Blick über ein Stück Schweizer Gebiet zum Waldheim, das jedoch wiederum in Deutschland liegt. Jenseits - nördlich - des Waldheims ist dann wieder Schweizer Territorium.
Wieso steht auf diesem Grenzstein nur "B" statt des sonst üblichen "GB"? Man erkennt die Jahreszahl 1927; an dieser Stelle muss also der 1839er Original-Grenzstein ausgewechselt worden sein. 1927, als der neue Stein aufgestellt wurde, war Baden jedoch kein Großherzogtum mehr, sondern ein Land der Weimarer Republik. Insofern nur "B" für "Baden" statt "GB" für "Großherzogtum Baden".
Das Waldheim wurde 1910/11 vom Besitzer des Hofes Oberwald, der unweit entfernt in der Schweiz liegt, gebaut. Auf deutschem Boden, wo das Waldheim lag, waren die Schankrechte ungleich großzügiger als in der Schweiz. Und der Fußweg zum Waldheim war für die Gäste von Oberwald nur fünf Minuten. Die Überquerung der Grenze war in dieser Zeit kein Problem, was sich mit dem Ersten Weltkrieg schlagartig änderte. Oberwald bezeichnete sich auf Postkarten als "Höhenluftkurort", das Waldheim war ein "Kurhaus".
Nach dem Zweiten Weltkrieg diente das Waldheim lange Zeit als Schullandheim. Abgesehen davon, dass die innere Einrichtung nicht mehr den heutigen Vorstellungen von einer Jugendherberge/einem Schullandheim entspricht - welche Schüler/innen unserer Zeit würden eine Woche in dieser Waldeinsamkeit verbringen wollen? Eine Grenzsteinwanderung wäre ja wohl so ziemlich das "uncoolste", was sich ein heutiger Teenager vorstellen kann.
Homepage des Waldheims:  httt://www.waldheim-schienen.de
Zur Geschichte des Hauses:  http://www.waldheim-schienen.de/60001.html






Deutschland-Schild beim Waldheim auf dem Schienerberg.
Die Bundesrepublik Deutschland ist sehr viel fleißiger im Aufstellen von Hoheitszeichen als die Schweizer Nachbarn. Das Schild mit dem Adler findet man an den abgelegensten Stellen. Allein "schildermäßig" ist die GB/CS-Zickzackgrenze für Deutschland eine teure Angelegenheit.


Dienstag, 27. April 2010

Wir verlassen Konstanz und wenden uns der Grenze zwischen dem Kanton Schaffhausen und dem früheren Großherzogtum Baden zu. Jetzt ist es die Grenze zwischen dem Kanton Schaffhausen und dem Bundesland Baden-Württemberg, also zwischen der Schweiz und Deutschland und damit zwischen der Schweiz und der Europäischen Union. Die Schweiz "wuchert" an drei Stellen nach Norden über den Rhein; und diese rechtsrheinischen Schweizer Gebiete sind durch etwa 1740 je 300 Kilo schwere Grenzsteine von Deutschland getrennt, die ab 1839 aufgestellt wurden. Schauen wir uns den Grenzverlauf an:


















Entlang dieser komplizierten, mit vielen Zacken und Zipfeln versehenen Grenze wollen wir uns von nun ab bewegen und uns einzelne Grenzsteine und Grenzabschnitte anschauen.

Wir gehen zum Grenzstein Nr. 308 von den 427 Grenzsteinen, die den Stein am Rheiner Zipfel von Deutschland abtrennen (Die Grenzsteine sind im Uhrzeigersinn durchnummeriert), und finden Erstaunliches.

Ab Grenzstein 308 wurde die Grenze geändert!



Warum? Damit man endlich von deutschem Gebiet in deutsches Gebiet mit dem Auto fahren konnte, ohne über Schweizer Gebiet zu müssen. Riedern und Waldheim sind zwar keine Exklaven, waren aber bis 1966 mit dem Wagen nur über eine Straße erreichbar, die über Schweizer Hoheitsgebiet führte. Quer durch den Wald, als Wanderer konnte man Riedern/Waldheim auch erreichen, ohne über Schweizer Gebiet zu müssen. Aber das war mühsam.

Wo liegt das genau? 47° 42’ nördlich des Äquators, 8° 52’ östlich von Greenwich.


Eine Postkarte des Waldheims aus der Zeit des 3. Reichs prangert diesen Zustand als sozusagen unwürdig an. Von Deutschland nach Deutschland kommt man nur durch „erlaubte“ Schweiz. Die Postkarte aus dem Kreisarchiv Konstanz (AA6 XXII/3/203) ist abgebildet in: hegau Zeitschrift für Geschichte, Volkskunde und Naturgeschichte des Gebietes zwischen Rhein, Donau und Bodensee, Themenband „Hegau - Menschen - Schicksale“, Jahrbuch 63/2006 des Hegau-Geschichtsvereins e.V., Singen/Hohentwiel, S.177.
Die spannende Frage für mich war nun: Ist der Grenzstein 308 im Jahre 1966 ausgetauscht worden? Oder steht da noch der alte Grenzstein von 1839?
Der Stein steht an einer sehr unzugänglichen Stelle auf der rechten Seite des Lunkenbachs. Und er ist ..... alt! Seit 1839 hat ihn der unweit seiner Quelle noch zahme Bach offenbar in Ruhe gelassen und nie das Erdreich um ihn herum weggespült.



Nachdem ich den Schnee auf seiner Oberseite beseitigt habe, bietet sich folgendes interessante Bild:



Der Grenzverlauf wird doppelt angezeigt. Es war im Jahr 1966 also offenbar bequemer, auf der Oberfläche des alten Steins eine neue Linie zu ziehen, als einen schweren neuen Grenzstein an diese Stelle zu bringen!
Der folgende neu gesetzte Grenzstein 309 etwas oberhalb der nun nicht mehr schweizerischen Straße stammt aus dem Jahre 1966, wie deutlich zu lesen ist.


Blick von der Schweiz nach Deutschland, in ehemaliges Schweizer Gebiet hinein


Blick von (seit 1966) deutschem Gebiet in die Schweiz


Im Laufe der Zeit ist einiges zusammengekommen!


Im Folgenden eine Auflistung der Grenzveränderungen durch Gebietstausch -
Es stehen jeweils in einem Block: Betroffene Gemeinde / Größe der Gebietsabtretung in Quadratmetern und Jahr des Vertrags



a) in der Schweiz

Bargen SH
46 qm
2002

Bargen SH
33 000 qm
1964

Barzheim SH
4667 qm
2002

Buch SH
** 1938

Büttenhardt und Opfertshofen SH
128 732 qm
1964

Diessenhofen
140 Jucharten* (an Gailingen)
1854

Dörflingen SH
1332 qm
2002

Hemishofen SH
10 489 qm
1964
(Hier sind wir im Gebiet des Grenzsteins 308ff.)

Hüntwangen ZH
165 qm
2002

Merishausen SH
319 000 qm
1964

Neuhausen SH
** 1938

Neuhausen SH
398 qm
1964

Rüdlingen SH
** 1938

Schleitheim SH
38 250 qm
1964

Wasterkingen ZH
152 qm
2002

b) in Deutschland

Altenburg
398 qm
1964

Blumberg
46 m2
2002

Büsingen
17 Jucharten* (an Unterschlatt)
1854

Büsingen
1332 qm 1966

Erzingen
** 1938

Gottmadingen
** 1938

Hilzingen
4667 qm
2002

Hohentengen
317 m2
2002

Jestetten
** 1938

Lottstetten
** 1938

Öhningen
5489 qm 1964

Rielasingen
5000 m2
1964

Stühlingen, Weizen und Grimmelshofen
38 250 m2
1964

Weisweil
** 1938

Wiechs am Randen
428 732 m2 (Exklave Verenahof!)
1964


*1 Juchart (ab 1835) = 36 Ar = 3600 qm (siehe dazu den Wikipedia-Artikel http://de.wikipedia.org/wiki/Juchart )
** Die mit zwei Sternen gekennzeichneten Gemeinden waren an einem Gebietstausch beteiligt, der insgesamt 47 a 58 qm, also 4758 qm umfasste
***Die Ratifizierung und das In-Kraft-Treten des Vertrags kann später liegen, z.B.
1964 → 1966.

Die gleichen Gemeinden, die etwas abtreten mussten, haben oft an anderer Stelle etwas dazu bekommen; bisweilen jedoch bekam eine deutsche oder schweizerische Gemeinde das an Kompensation, was eine andere deutsche oder schweizerische Gemeinde abtreten musste.


Die obige Tabelle beruht auf der Auswertung folgender Verträge:

Vertrag vom 20./31. Oktober 1854 zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und dem Grossherzogtum Baden betreffend Grenzbereinigung

Abkommen vom 22. September 1938 zwischen der Schweiz und dem Deutschen Reiche über die Verlegung der Grenze an den Strassen Neuhausen-Jestetten, Weisweil-Erzingen, Buch-Gottmadingen, Rüdlingen-Lottstetten

Vertrag vom 23. November 1964 zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und der Bundesrepublik Deutschland über die Bereinigung der Grenze im Abschnitt Konstanz-Neuhausen am Rheinfall (mit Schlussprotokoll)

Vertrag vom 5. März 2002 zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und der Bundesrepublik Deutschland über den Verlauf der Staatsgrenze in den Grenzabschnitten Bargen/Blumberg, Barzheim/Hilzingen, Dörflingen/Büsingen, Hüntwangen/Hohentengen und Wasterkingen/Hohentengen(alle nachzulesen unter: http://www.admin.ch/ch/d/sr/0.13.html#0.132)




Kreistraße 6156 - Seit 1966 führt sie von Deutschland über Deutschland nach Deutschland! Und nicht mehr durch die Schweiz! Allerdings ist diese Kreisstraße eine Sackgasse. Sie führt bis Riedern, wo man eigentlich nicht parken kann; und von dort bis Waldheim ist sie für Autos und Motorräder gesperrt (außer Anlieger).

Auf dem Weg von Schienen nach Riedern führt sie durch das Gehöft Litzelshausen, wo bis vor einiger Zeit ein sehr schöner alter Wegweiser an einer Häuserwand prangte.









Samstag, 24. April 2010

So sah sie mal aus, die deutsch-schweizerische Grenze; und es ist noch gar nicht so lange her.


Ein Zaun trennte Konstanz von Kreuzlingen an dieser Stelle (Wiesenstraße). Seit die Schweiz dem Schengen-Abkommen beigetreten ist, ist die Grenze überall offen (Dez. 2008). Wo der Zaun war, können Fußgänger und Radfahrer jetzt durch. Es stehen jedoch noch ein paar Pfosten, so dass für Autos die Durchfahrt nach wie vor nicht möglich ist. Der rote Wagen, den man im Bild sieht, dürfte seinen bequemen Parkplatz verloren haben.
Kurios in diesem Bild ist, dass den Autofahrern, die hier gar nicht weiterfahren konnten, mitgeteilt wurde, dass sie hinter dem Zaun 5o km/h fahren dürften - und die Mitteilung erfolgte gleich doppelt:
a) durch das am Zaun befestigte Ortsschild, b) durch das noch vor dem Zaun stehende Schild mit der Angabe der Geschwindigkeitsbegrenzung.

Mittlerweile (Herbst 2010) sieht es an dieser Stelle so aus:


Der Zaun ist weg, aber Autos können nicht durchfahren.


An anderer Stelle in Konstanz ist der Zaun noch erhalten, wenn auch in gestutzter Form: und zwar zwischen dem Gottlieber Zoll und dem Rhein.


Er wurde 1940 errichtet, wie man noch auf dem Mauersockel, auf dem der Zaun steht, an einer Stelle noch lesen kann.


Wie der Zaun während der Zeit des Dritten Reiches (als er als "Judenzaun" bezeichnet wurde) aussah, kann man in dem Büchlein von Arnulf Moser, Der Zaun im Kopf - Zur Geschichte der deutsch-schweizerischen Grenze um Konstanz, Konstanz 1992, ISBN 3-87940-427-5, S.107 und S.111 nachschauen: Er hatte eine Stacheldrahtkrone, die heute natürlich nicht mehr vorhanden ist.
Zwischen Gottlieber Zoll und bis kurz vor dem Grenzstein 34 ist der Zaun als historisches Denkmal in seiner ursprünglichen Höhe erhalten.



Ab Grenzstein 34, wo der vorletzte bedeutende Knick in der Grenze ist, bis zum letzten Grenzstein 38 und darüber hinaus bis zum See-Rhein-Ufer verläuft der Zaun nur noch auf Brusthöhe und schützt vor allem die Gärten auf deutscher Seiten vor möglichen Eindringlingen von der Schweizer Seite her.
Die Grundstücksbesitzer auf deutscher Seite konnten sich so einen Gartenzaun ersparen.


Ein Nahbild von Grenzstein 36 zeigt, dass der Zaun wenige Zentimeter hinter der eigentlichen Grenze auf deutschem Gebiet steht.



Zum See-Rhein hin verschwinden die Gärten auf deutscher Seite, die Grenze nähert sich dem Saubach; und man findet ein Kuriosum aus der Zeit, wo die Zöllner noch streng entlang der Grenze kontrollierten und selbst natürlich nicht die Grenze überschreiten durften: einen Steg oberhalb des Saubach-Grabens genau hinter dem Grenzzaun. Hier gingen also die deutschen Zöllner entlang.


Schließlich endet der Grenzzaun recht unspektakulär am See-Rhein-Ufer, wobei die Mauer, auf der der Zaun steht, plötzlich Mannshöhe erreicht.



Der letzte Grenzstein (Nr.38) steht in einiger Entfernung vom Ufer und hat einen gewaltigen Sockel.
Alle Grenzsteine zwischen Gottlieber Zoll und See-Rhein-Ufer müssen neueren Datums sein. Man findet keine Jahreszahl 1839 und kein GB für "Großherzogtum Baden" wie auf den Grenzsteinen um den Kanton Schaffhausen herum. Das große S steht für "Schweiz". Auf der im Bild nicht sichtbaren entgegengesetzten Seite ist ein großes D für "Deutschland" zu vermuten.